Ian McEwan: Solar [Rezension]

Ein sexbesessener Nobelpreisträger also, soso. Der Held in McEwans Roman hat die besten Tage schon hinter sich, ist klein gewachsen, schwabbelbäuchig, von lichtem Haar. Und dennoch hat dieser Professor Beard in London Haus und Kind und Ehefrau, die wider Erwarten noch überaus attraktiv ist. Doch der Ehesegen hängt schief und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Es liest sich alles so schmissig und vielversprechend – ha, endlich wieder ein page turner, freut sich der Leser.

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Es ist viel die Rede von Physik und Klimawandel. Klar, weil doch Micheal Beard Physiker ist und sich diesen Themen widmet. Zu diesem Zweck wird er auch zu einem Trip in die arktischen Breitengrade Grönlands eingeladen. Doch die kleine Episode im Norden bleibt eingestreut oberflächlich, das Rumgetue mit den Klamotten in der Kleiderkammer wirkt albern. Unwirklich, wie sich die Gäste nach der Reise wie beste, langjährige Freunde verabschieden – McEwan schafft es nicht, die rechte Stimmung aufzubauen und vor allem dem Leser zu vermitteln.

Doch als ob es ein träger Anlauf zum anschließenden Sprung oder zum Elfer gewesen war, plötzlich nimmt die Story Fahrt auf, ja steigert sich zu einem Finale furioso, das mit dem Ende des ersten Teils seinen Abschluss findet.

Wie schon andere vor mir feststellten: Teil Zwei kommt irgendwie nicht in Fahrt. Und wenn der verkrüppelte linke Unterarm der farbigen Zollbeamtin ernsthaft als ‚Salatlöffel‘ bezeichnet wird – political correctness hin oder her; will da etwa jemand mit der Brechstange Charles Bukowski kopieren? – Wenn ja, dann wäre es eigentlich an der Zeit, das Buch endgültig zur Seite zu legen. Einzig in der Schilderung von Melissa Browne, der Geliebten, kommt so etwas wie Wärme, Feuer, Empathie mit der Figur auf, der Rest bleibt entfernt und distanziert.

Doch wenn man selbst eben in einer ähnlichen Lebenskrise ist, liest man dann doch weiter: Aus Mitgefühl, aus Lust an der Selbstzerfleischung, aus dem Dürsten für sich selber Parallelen, Similaritäten rauszulesen? Eine Mischung aus all dem wird es wohl sein.

Es dauert also ewig, bis Teil Zwo in Fahrt kommt. Und eine ebensolche gefühlte Ewigkeit später – nämlich fast hundert Seiten – wird endlich der Konnex zum ersten Teil fünf Jahre zuvor hergestellt. Komm zur Sache, Ian!

Und dann ist er auch schon wieder vorbei, dieser zweite Teil, der Zwischenteil sozusagen, und er bleibt merkwürdig oberflächlich. Viel ist von Beards Gedanken die Rede, doch man wird nicht warm mit ihm.

Teil Drei spielt nochmals vier Jahre später und er beginnt mit einem Rückblick auf Beards Kindheit. Wir erfahren, wie er so wurde wie er ist. Es plätschert dahin – keine Rede mehr vom page turner. Ein paar Wellenkämme und laaange -täler – die Story fließt träge dahin und das Ende ist ohnedies merkwürdig offen, so als ob der Autor plötzlich selbst die Lust daran verloren hätte. Man lässt das Buch sinken und denkt: „Das war’s, und nun?“

Für einen Krimi zu dünn.

Für ein Physik-Lehrbuch zu unstrukturiert.

Fazit: Belanglos – da hat der Autor schon eindeutig Besseres geliefert. Mit dem hier einfach weg damit. Bücherboxen gibt es schließlich genug.

Bist Du Anderer Meinung? Sehr gerne. Das Diskussionsplenum sei eröffnet!

Die Ausgaben sind hier erhältlich:

Solar (Deutschsprachige Ausgabe) °°

Solar (Englische Originalausgabe) °°

Weitere Bücher von Ian McEwan °°

Klappentext: „Michael Beard is a Nobel prize-winning physicist whose best work is behind him. Trading on his reputation, he speaks for enormous fees, lends his name to the letterheads of renowned scientific institutions and half-heartedly heads a government-backed initiative tackling global warming. A compulsive womaniser, Beard finds his fifth marriage floundering. But this time it is different: she is having the affair, and he is still in love with her.

When Beard’s professional and personal worlds collide in a freak accident, an opportunity presents itself for Beard to extricate himself from his marital mess, reinvigorate his career and save the world from environmental disaster.

Ranging from the Arctic Circle to the deserts of New Mexico, SOLAR is a serious and darkly satirical novel, showing human frailty struggling with the most pressing and complex problem of our time.A story of one man’s greed and self-deception, it is a profound and stylish new work from one of the world’s great writers.“

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